Philipps RAA Challenge

„Zweite Luft“ mit Ansage

Mein persönliches Auf und Ab beim Race around Austria Challenge

Die Vorbereitungen

Am 12. August 2014 machten sich mein Betreuerteam, Konrad, Peter, Lukas und ich uns auf den Weg ins oberösterreichische St. Georgen im Attergau, wo am nächsten Tag der Start zum Race around Austria Challenge erfolgen sollte. Dieses Rennen ist als Einsteigerrennen für Leute gedacht, die sich langsam an Langdistanzrennen, wie das Race around Austria herantasten wollen.

In ungefähr 560km geht es im Uhrzeigersinn entlang der oberösterreichischen Grenze über 6400 Höhenmeter wieder retour nach St. Georgen.

Nachdem ich die Strecke mit Lukas im Frühjahr schon in zwei Tagesetappen absolviert hatte und wir in Trainingsgeschwindigkeit knapp 22 Stunden brauchten, war ich optimistisch eine Zeit von etwa 20 Stunden zu schaffen.

In den vergangenen zwei Jahren war ich auch schon in St. Georgen am Start, aber nicht als Fahrer sondern als Betreuer von Severin Zotter beim RAA. Nun stand ich kurz vor meinem ersten Rennen auf der Langdistanz (abgesehen von zwei 24h Rennen in Kaindorf). Meine Vorfreude war riesengroß.

Bei der Vorbereitung klappte alles ziemlich reibungslos, außer ein paar kleinen Problemchen, die wir aber alle recht kreativ und flexibel lösen konnten.

Auch die Nacht vor dem Start war gut. Ich konnte recht bald einschlafen und war beim Aufwachen motiviert bis in die Haarspitzen.

Diagnose: Rahmenbruch

Meine Startzeit war um 15:22 Uhr. Geplant war, am Vormittag die letzten Vorbereitungen zu treffen und mich dann noch mal für zwei Stunden aufs Ohr zu hauen.

Doch dann kam alles ganz anders.

Wir schraubten noch bei meinem Rennrad herum, als mir plötzlich auf der hinteren linken Sitzstrebe ein schwarzer Strich auffiel. Nach genauerer Inspektion stellte sich heraus, dass der Strich ein Riss war, der ungefähr um die halbe Strebe herumging. Mit wenig Kraftaufwand hätte ich die Strebe gänzlich durchdrücken können.

Lukas und ich waren schockiert. Was nun? Kann man Carbon so kurzfristig reparieren, oder vielleicht mit einer Schelle sichern? Wir wussten es nicht genau. Natürlich hatte ich ein Zweitfahrrad mit. Doch mit dem Gedanken damit an den Start zu gehen, konnte ich mich in dem Moment nicht anfreunden. 8 Monate Training, noch extra 2 Kilo abgenommen und dann soll ich mit einem Rad starten, das mindestens 4 Kilo mehr hat. Das machte mich fertig.

Odyssee kurz vor dem Start 

Gut, wir hatten noch 4 Stunden. Zeit zu Handeln:

1. Idee (von Lukas): Nussi (Rennchief) fragen, ob er uns ein Ersatzrad auftreiben kann – negativ.

2. Idee: ins nächste Radsportgeschäft gehen und fragen, ob sie das Rad reparieren können oder ein Leihrad haben – auch negativ, aber dafür bekommen wir die Info, wo es größere Radsporthändler gibt, die Simplonbikes anbieten (das kaputte Teil war ein Simplon).

3. Idee: Anruf bei Simplon, versuchen kann man es ja – sehr nett am Telefon, aber trotzdem negativ, so kurzfristig können sie nichts anbieten.

4. Idee: Anruf in Salzburg bei bikepalast – positiv, ja sie haben ein Leihrad, kostet 50€ für einen Tag. Also auf nach Salzburg, bikepalast suchen, reingehen und wegen einem Leihrad fragen. Leihfahrräder? Gibt’s keine. Mit wem ich telefoniert hab? Wissen sie nicht. Sehr negativ.

5. Idee: zurückfahren nach St. Georgen und mit dem Cube starten – was solls, ich will das Rennen finishen. Meine Pläne mit 20h vergrab ich mal. Wie heißts so schön: „Dabei sein ist alles!“

Das Rennen

15:22. Start. Ein paar Worte ins Mikro. Warum ich da bin, das ich das jetzt selbst mal probieren will… und los geht’s, hinein in den Regen.

Ich versuch mein Tempo zu fahren. Der Puls ist hoch. Ich hoffe ich überpace mich nicht. Alles recht schwer abzuschätzen, mit den – mittlerweile nassen – Regenklamotten, dem Rad, wo ich in letzter Zeit recht selten draufgesessen bin und wo bei jeder Steigung die Kette springt. Einziges Indiz, von hinten kommt niemand und vor mir hab ich schon einige überholt. Sollte also ganz gut passen.

Erstes Tief, das Flachstück entlang der Donau noch etwa 4 Stunden. Eigentlich hätte ich mir gedacht, dass mir der Streckenabschnitt liegt, aber heute ist es ziemlich mühsam.

Kurz mal Pause machen, Kleidung wechseln und dann doch wieder die alte anziehen. Minuten vergehen, 10, 15, zuletzt sind es wohl an die 20 Minuten, die wir da vertrödeln (im Nachhinein sind wir uns alle einig, dass die Pause umsonst war).

Dann geht’s Richtung Mühlviertel. Vom Frühjahr weiß ich, dass es da an die 200 km nur auf und ab geht. Mein Respekt ist daher recht groß.

Mit Anfeuerung von Andi Goldberger, der mich irgendwann in der Nacht überholt (er startet im 4er Team mit Alex Naglich, Benjamin Karl und Christoph Sumann auf der RAA Strecke) und der Unterstützung meines top-motivierten Betreuerteams trotze ich Wind und Regen und lasse irgendwann auch diesen Teil der Strecke hinter mich. In Richtung Steyr zieht es sich dann noch einmal und von hinten überholen mich Christian Burtscher und Gerhard Gulewicz. Mit Letzterem hatte ich eigentlich schon viel früher gerechnet und deswegen bin ich auch wenig gestresst als er an mir vorbeizieht.

Nachrichtensperre im Pace Car

Mittlerweile ist auch durchgesickert, dass meine Platzierung in etwa bei Platz 5 liegt. Durchgesickert deswegen, weil meine Betreuercrew ihrerseits eine Nachrichtensperre verhängt hat, um mich durch die Info über die gute Platzierung nicht zu sehr zu motivieren. Die Gefahr, dass mich dann mein Ehrgeiz überkommen und ich jeglichen Verstand eines Rennradfahrers, der noch etwa 300 km vor sich hat, verlieren könnte, erschien ihnen zu groß. Wer weiß, vielleicht hatten sie recht.

Das Duell

Kurz nach Kirchberg an der Krems taucht vor mir bei einer Steigung plötzlich Gerhard Gulewicz auf. Völlig blau und ziemlich langsam. Als ich an ihm vorbeiziehe, meint er nur „host a zweite Luft kriegt“. Ich freu mich zwar insgeheim ein Urgestein der österreichischen Langstreckenszene hinter mir zu lassen, denke mir aber, dass ich den Rückstand von 42 Minuten (Gulewicz ist 21 Minuten hinter mir gestartet) nicht nicht auf ihn herausfahren werde könne.

Ich fahre recht locker mein Tempo weiter und bleib auch nach der nächsten Abfahrt bei einer Baustellenampel schon beim zweiten grünen Blinken stehen. Stress habe ich ja keinen und eine kurze Pause kommt nach etwa 17 Stunden auch ganz gelegen. Gerhard Gulewicz schließt dann auch wieder auf und wir unterhalten uns kurz.

Nach dem Passieren der Baustelle und als Gulewicz wieder abgerissen ist, werde ich recht harsch von meinem Betreuerteam darauf hingewiesen, dass der Rückstand auf Gulewicz nicht 42 sondern nur 21 Minuten (das Startintervall betrug nur eine Minute) beträgt und ich gefälligst treten soll was das Zeug hält, um ihm diese Zeit noch möglichst abzuluchsen.

Damit war es auch schon wieder vorbei mit dem Trödeln. Es hieß nun alle Kraftreserven zu mobilisieren und die restlichen 80 Kilometer am Limit zu fahren.

Was sich jetzt so einfach schreibt und liest, war im Rückblick eine ziemliche Qual. Mein Betreuerteam feuerte mich an und holte Kraftreserven aus mir heraus, von denen ich niemals gedacht hätte, in ihrem Besitz zu sein. Manchmal auch mit unlauteren Mittel („komm, gib noch mal alles, das ist schon die letzte Steigung“). Es war dann schon ärgerlich, wie oft nach der letzten Steigung, hinter der nächsten Kurve noch mal eine Steigung kommen kann.

Die Distanz von Obwang nach St. Georgen, wo es eigentlich nur mehr leicht bergab geht, hatte ich vom Frühjahr noch als recht kurz in Erinnerung. Im Rennen war sie dann nicht enden wollend. Aber eine Stimme in mir (und ebenso das nicht zu überhörende Schreien der Betreuercrew) sagten „tritt weiter, den Gulewicz kriegst du noch“. Und so war es dann auch. Nach bangem Warten im Ziel, war es irgendwann Gewissheit: 3. Platz in 20:21h, 5 Minuten vor Gerhard Gulewicz. Unglaublich, in diesem Moment ließen sogar die Schmerzen ein wenig nach.

Das Resümee

Im Nachhinein betrachtet hab ich zwar die 20h nicht geschafft, aber mit dem Rahmenbruch im Vorhinein, dem spannenden Duell mit Gerhard Gulewicz und dem Dritten Platz war das ganze und für mich ein Erfolg, den ich im Vorhinein nie für möglich gehalten hätte.

Vielen Dank Konrad, Peter und Lukas für dieses Erlebnis, dass ohne euch nicht möglich gewesen wäre!

PS: Simplon hat mir den Rahmen nicht ersetzt. Das Unternehmen hat es noch dazu für Kulant gehalten, mir einen Rahmen ohne Gabel, um sauteures Geld anzubieten, obwohl mein Fahrradkauf nicht einmal ein Jahr zurücklag. Das ist der Wehrmutstropfen an der Geschichte.