Philipp beim Race Around Slovenia

Am Tag danach

2. Platz beim Race around Slovenia (RAS). Ein unglaubliches Erlebnis gemeinsam mit meinem Team dieses große Rennen so gut zu finishen.

Um meinem Gedanken und Gefühlen am Tag danach Ausdruck zu verleihen muss ich etwas weiter ausholen – auch um das Ganze überhaupt schön langsam fassen zu können.
Begonnen hat alles im Jahr 2012, als ich Severin Zotter als Teammitglied beim RAS begleiten durfte. Die Emotionen und Eindrücke eines solchen Rennens haben mich sofort in den Bahn gezogen und nicht mehr losgelassen. Ich habe mir damals gedacht, dass ich dieses Rennen auch gerne ein Mal fahren würde, habe es damals aber nicht für wirklich realistisch gehalten.

Nach dem 6. Platz beim 24h Rennen in Kaindorf und dem dritten Platz beim RAA Challenge im letzten Jahr ist das Ganze dann doch etwas Greifbarer geworden.
Meine Vorbereitung begann im Oktober letzten Jahres. Ich denke es ist eine meiner Stärken, wenn ich mir ein Ziel setze, dies auch in aller Konsequenz zu verfolgen. Dazu gehören für mich neben dem eigentlichen Radtraining auch Dinge wie Ernährung, Regeneration uvm. Die Vorbereitung lief bis auf ein paar Rückschläge optimal. Auch den Tiefpunkt mit dem 2. Rahmenbruch beim Simplon (never ever Simplon again) ca. 3 Monate vor dem Rennen habe ich gut wegstecken können und Friesis Bikeshop hat mir da sehr schnell und unkompliziert mit einem neuen Rahmen (Scott Solace) aus der Patsche geholfen.

Ja und jetzt zum Rennen an sich: Mein Team war von Anfang an super organisiert und hat mich top unterstützt. So konnte ich unbeschwert und voll konzentiert ins Rennen gehen.

Ich bin gestartet, wie ich es mir vorgenommen habe, mit Tempo aber auch nicht übertrieben schnell. Als ich dann den Favoriten für das Rennen, Edi Fuchs, schon vor Koper eingeholt habe, hatte ich dann doch die Befürchtung, dass es vielleicht zu schnell war und irgendwann der Einbruch kommt. Bei einer Klopause ist er dann auch wieder an uns vorbeigezogen und ich ließ mich dadurch nicht stressen.
Der erste große Berg, der Predmeja, war sehr anstrengend zu fahren. Einerseits kannte ich ihn von einer Vorbereitungsfahrt im März, wo ich schon merkte, dass mir der Anstieg nicht so liegt und andererseits hatte ich es mit der Ernähung (hauptsächlich Fresubin Energy) wohl zu gut gemeint und mir war unglaublich schlecht, so dass ich nichts mehr zu mir nehmen konnte.

Mit den Morgenstunden und dem nachlassenden Druck in der Magengegend ist es wieder besser gegangen und ich konnte kurz vor Mittag den Vrsic in Angriff nehmen.
In den nächsten Stunden lief alles nach Plan. Ich konnte mit gutem Tempo die nächsten Berge hinter mich bringen und auch das Zusammenspiel von mir als Fahrer mit meinen Bedürfnissen und meiner Crew, die alles für mich erledigte, mich mit Essen versorgte, mir Kommentare vorlaß, neben mir herlief und mich so versorgte, dass ich mich einfach nur aufs Radfahren konzentrieren musste klappte per.

Nahe Sentilj, um kurz nach Mitternacht, stieß dann Sevi zu uns dazu. Ich hoffte, dass mir das noch einmal einen zusätzlichen Boost für die zweite Nacht gibt. Und so war es auch. Mit seiner Erfahrung hat mich Sevi durch die steilen Anstiege in den Weinbergen angetrieben. Bald machte sich dann aber auch die Müdigkeit bemerkbar. Insgesamt habe – mit Sevis großartiger Unterstützung – fast vier Stunden dagegen angekämpft und trotzdem immer probiert mit Kraft ins Pedal zu drücken (auch um die Müdigkeit zu vertreiben). Knapp vor halb sechs in der Früh war es dann aber zu riskant weiter am Rad zu bleiben. Zu dem Zeitpunkt war ich  nicht mehr wirklich bei mir. Das machte sich vor allem dadurch bemerkbar, dass ich ständig Officials und andere Radfahrer am Straßenrand stehen sah, die sich bei näherer Distanz als Straßenschilder herausstellten.
Der anschließende Powernap lief perfekt ab. Meine Crew bereitete alles vor und ich brauchte mich nur mehr ins Auto legen. Nach 12 Minuten bin ich dann von selbst wieder aufgewacht (die Powernaps, die ich in der Vorbereitung zwischen den Trainings und der Nachmittagsarbeitsschicht eingelegt habe, haben sich anscheinend ausgezahlt (-:) und war wieder völlig klar im Kopf.

Ich konnte wieder Fahrt aufnehmen und bald auch wieder zu Edi Fuchs aufschließen, der mich während dem Powernap überholt hatte. Irgendwann entschloss ich mich dann das Überholmanöver zu starten. Ich spürte, dass meine Beine noch gut waren und ich bergauf ordentlich Gas geben konnte. In den nächsten Stunden radelte ich mich richtiggehend in einen Flowzustand und konnte Berg um Berg hinter mich bringen. Das war ein unglaubliches Gefühl, nach etwa 40 Stunden am Rad (fast) ohne Schmerzen mit Vollgas den Berg hinauf zu fahren. Ich fühlte mich wie in Trance und hatte zwischendrinnen nur etwas Angst, dass ich irgendwann komplett einbreche, wenn der Zustand wieder vorbei geht.

Gott sei Dank hielt dieser Flow lange an. Ich schätze bis am späten Nachmittag. Da teilte mir meine Crew dann mit, dass Edi Fuchs schon einen ordentlichen Rückstand aufgerissen hat. Mit dieser Nachricht war dann  leider auch mein Antrieb Vollgas zu geben weg. Ich verlor ein wenig den Fokus, der Schlafentzug machte sich bemerkbar und auf einmal saß ich auf dem Rad ohne zu wissen, wo ich gerade bin.

Ab diesem Zeitpunkt peitschten mich Lukas, Konrad, Peter und Sevi unermüdlich an. Und plötzlich war auch der zweite Platz in Griffweite. Auf den letzten 80 Kilometer erlebte ich ein Revival zum RAA Challenge. Auch dort holte ich auf den letzten Kilometern noch einmal alles aus mir heraus, um Gerhard Gulewicz zu schlagen.
Mit den Motivationsrufen der Crew im Rücken mobilisierte ich meine letzten Reserven. Die Schmerzen wurden mittlerweile leider im größer und verstärkten sich durch den Regen, der ca. 30km vor dem Ziel einsetzte.
Und dann war tatsächlih auf einmal der bisher Zweitplatzierte in Sichtweise und es gab kein Halten mehr. Die Euphorie ließ die Qualen wieder weniger werden und der letzte Schlussanstieg war eine einzige Jubelfeier.

Danke Lukas, Konrad, Peter und Sevi, dass ihr mir dieses Erlebnis ermöglicht habt! Es ist, wie ich es im Video gesagt habe, ohne euch wäre das alles niemals möglich gewesen!